Archivalie des Monats Juni 2009

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Großherzog Friedrich Franz IV. in seinem ersten Automobil im Jahr 1901

Fotos gibt es viele in Archiven, im Stadtarchiv Schwerin befinden sich allein über 12.000 Stück. Sie sind eine viel genutzte historische Quelle von großer Anschaulichkeit. Für sich allein genommen sagen sie allerdings oft wenig aus. Das hier vorgestellte Bild, aufgenommen vom Hofphotographen Fritz Heuschkel zeigt drei Herren und eine Dame in einem altertümlichen Automobil. Der mit Örtlichkeiten und Personen vertraute Lokalhistoriker erkennt Großherzog Friedrich Franz IV. als den Fahrer und den Burggarten des Schweriner Schlosses im Hintergrund. Dass sich hinter diesem Bild eine interessante Geschichte verbirgt, wird erst offenbar, wenn man schriftliche Quellen zur Ergänzung heranzieht.

Großherzogin Anastasia, die in Cannes lebende Mutter des jungen Großherzogs, war fasziniert von der modernen Technik und erwarb bereits 1898 ein Automobil der französischen Firma Panhard-Levassor, das sie auch viel benutzte. Ihre Begeisterung übertrug sich auf ihren Sohn, der bei derselben Firma einen Wagen mit 8 PS für sich selbst bestellte. Im Dezember 1900 wurde das Auto nach Cannes geliefert. Der 18jährige Fürst, der in wenigen Monaten in Mecklenburg-Schwerin die Herrschaft übernehmen sollte, empfing sein erstes Auto mit großer Freude. Weit weniger erfreut zeigte sich sein Onkel Herzogregent Johann Albrecht, von dem erwartet wurde die erhebliche Rechnung von 12.000 Franc umgehend zu begleichen. Er protestierte hiergegen, worauf Anastasia – eine geborene russische Großfürstin und überaus reich – das Automobil einfach aus ihrem Privatvermögen bezahlte.

Nach der Regierungsübernahme des Großherzogs am 9. April 1901 wurde der Panhard-Levassor nach Schwerin überführt, und kurz danach entstand dann vermutlich das gezeigte Foto. Neben am Steuer befindlichen Friedrich Franz IV. sitzt sein Chauffeur Koch. Dass der Großherzog und nicht der Chauffeur lenkte, war übrigens die Regel und nicht die Ausnahme. Angesichts der Reparaturanfälligkeit der frühen Automobile erschien es ratsam, immer einen qualifizierten Techniker dabei zu haben. Der gelernte Monteur Koch war ein hoch bezahlter Spezialist, der vor allem für Wartung, Pflege und Unterhaltung des empfindlichen Gefährts verantwortlich war. Das Fahren übernahm der autobegeisterte Großherzog gerne selbst. Bei dem Paar auf der Rückbank handelt es sich vermutlich um Prinz Heinrich XVIII. von Reuß und sein Frau Herzogin Charlotte von Mecklenburg.

Der großherzogliche Panhard-Levassor war sicherlich eines der ersten Automobile in Mecklenburg und dürfte allenthalben für viel Aufsehen gesorgt haben. Ungefähr anderthalb Jahre fuhr der Großherzog dieses Auto, das freilich schon bald seinen gestiegenen Ansprüchen nicht mehr genügte. Schon im November 1901 bestellte er einen 20 PS starken Mercedes für 25.000 M. Für die damalige Zeit eine immense Summe, die dem 25fachen Jahreseinkommen eines Arbeiters entsprach. Der alte, bereits ziemlich abgenutzte Panhard wurde dann 1903 für 3.500 M an einen Berliner Autohändler verkauft.

Bernd Kasten, Stadtarchiv Schwerin

Archivalie des Monats Juni 2009

Großherzog Friedrich Franz IV. in seinem ersten Automobil im Jahr 1901